Felicia Langer pflegte lachend etwas rot auf meine kleinen Lippen zu malen, weil sie wusste, dass mir das gefällt, aber auch um meine neugierigen Augen zu stoppen. Diese kleine Geste wurde ein intimes privates Band zwischen uns beiden. Mitte der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts krachte die Nationale Front, die aus einer Anzahl palästinensischer säkularer Parteien der damaligen Zeit zusammen gesetzt war. Mein Vater, der zufällig in einer leitenden Position der jordanisch kommunistischen Partei war ( Die palästinensische wurde erst in den frühen 80er Jahren gegründet) wurde mit Hunderten palästinensischer Aktivisten verhaftet und zu sechs Monaten Administrativhaft verurteilt, was ohne jede Anklage automatisch verlängert wurde. Ohne irgendeine aktuelle Gerichtsverhandlung können politische palästinensische Gefangene jahrelang im Gefängnis bleiben, ohne zu wissen, wann er oder sie je entlassen wird. Jedes Mal wenn der israelische Militärherrscher das Wort „Verlängerung“ ausstieß , verstand der Gefangene, der kein Recht der Verteidigung hat, lebendlänglich. Diese Praxis geht bis auf den heutigen Tag.

Mein Vater wurde zur selben Zeit im Hebroner Gefängnisfestgehalten, als mein Onkel in Administrativhaft im Ramallah-Gefängnis saß (beide standen trotz der 1967-Grenze direkt unter israelischer Kontrolle) . Der erste verbrachte 2 Jahre und der zweite vier Jahre dort. Beide erlitten eine endlose Zeit, als hätten sie das Schafott vor sich. Unbegrenzt Monate und Jahre im Gefängnis zu verbringen, war wie Folter besonderer Art. Meine Mutter und meine kranke Schwester, die an den Rollstuhl gebunden war, die in dieser Zeit in Bethlehem lebten, und ich fuhren zwischen den beiden Gefängnissen im Süden und im Norden hin und her. In der Zwischenzeit besuchten wir Felicia in Jerusalem. Felicia tat ihr Bestes, um uns private Besuche bei meinem Vater und Onkel zu genehmigen in Anbetracht der raschen Verschlechterung des Gesundheitszustandes meiner Schwester, von der berichtet wurde, dass sie im Sterben liegt. Wir hatten die Möglichkeit, sein Gesicht zu berühren, nachdem wir ihn nur durch einen sehr dicken Zaun berühren konnten, wo er um Erlaubnis bat, unsere kleinen Finger zu küssen. Mit Felicias Hilfe war es uns schließlich erlaubt, auf seinem Schoß zu sitzen und seine Haut zu fühlen ja ihn tatsächlich zu umarmen. Das war ein Privileg, das wir Felicia zu verdanken hatten, der Frau mit den roten Lippen und dem warmen Herzen.

Einmal brachte es Felicia für uns fertig, unsern Vater im Gefängnis privat zu besuchen. Wir freuten uns, unsern Vater nach so viel Monaten nah zu sehen, als der israelische Gefängniswärter begann, die Wolle, die meine Mutter mitgebracht hatte, zu durchsuchen. (Gefangenen war es erlaubt, eine gewisse Menge von Wolle mit zu bringen, um ihre verschlissene Kleidung zu flicken; aber irgend welche Zeitungen und Pamphlete verbotener politischer Parteien zu bringen, war verboten ( wie z.B. von der Jordanischen kommunistischen Partei). Etwas davon war in der Wolle versteckt. Der intime Besuch wurde sofort gestoppt und der Offizier war wütend, als er nah vor Mutters Gesicht mit etwas herum wedelte. Er schrie sie an, was ich aber nicht verstand. Es müssen viele Drohungen gewesen sein. Nach einiger Zeit beruhigte er sich, sah meine blasse Schwester im Rollstuhl, dann mein erschrecktes Gesicht und meine Tränen. Er näherte sich meiner Mutter und flüsterte: „Du bist eine dumme, ignorante Frau, solch ein Risiko auf dich zu nehmen, während du eine sterbende Tochter neben dir hast“.

Uns war es erlaubt zu gehen, aber die Drohungen beschäftigten unsere Gedanken noch lange. Meine Mutter bat den Taxifahrer direkt nach Westjerusalem statt nach Hause zu fahren. „Wir müssen jetzt zu Felicia gehen und alles geht in Ordnung“ flüsterte meine Mutter mit einem fast leblosen Gesicht. „Felicia, die Retterin“ dachte ich und starrte aus dem Fenster mit einem stark klopfenden Herzen. „Felicia wird das Problem mit ihren roten Lippen wegdiskutieren.“ Meine Schwester und ich wurden mit Mosche (einem Assistenten von Felicia) nach draußen geschickt. Er sprang rauf und runter, ahmte einen Clown nach und alle Arten von Tieren, die ihm grade einfielen, um uns zu amüsieren und besonders, um meine Schwester von ihren Schmerzen abzulenken. Felicia kam nach einem langen vertrauensvollen Gespräch mit meiner Mutteraus ihrem Büro und kniete sich neben den Rollstuhl meiner Schwester und wandte sich an uns beide: „Die Soldaten, die vor einem Jahr euren Vater holten, kommen heute Nacht, um eure Mutter zu holen und ihr beide müsst euch an sie klammern, schreien und verlangen, mit ihr zu gehen. Im Falle, dass sie euch versuchen, euch zu den Nachbarn zu bringen, müsst ihr euch weigern und schreien. Macht euch keine Sorge; ich werde schnell wegen euch zum Gefängnis kommen, und werde dafür sorgen, damit ihr mit eurer Mutter entlassen werdet.

Ich vertraute Felicia und immer glaubte ich, dass sie die Fähigkeit zu helfen hat oder mindestens, dass sie die Fähigkeit hatte, die Dinge für uns leichterzu machen. In meiner Kindlichkeit glaubte ich, dass die widerlichen Soldaten sie fürchteten. Wir schliefen in jener Nacht nicht; wir warteten auf die erwarteten harten Schläge an unserer Tür. Wir waren vorbereitet. Mit meinen 6 Jahren fragte ich mich: „werden sie uns in die Zelle unseres Vaters bringen oder in die des Onkels? Werden sie genug Decken für uns und sie haben?“ Ich war gewohnt von meinem Vater und Onkel zu hören, dass sie sich über die Kälte beklagten und dass sie nur 2 Decken hätten: die eine um darauf zu liegen und die andere um sich zuzudecken. Keine Betten und keine Matratzen wurden gegeben, obwohl der Winter in Palästina kalt ist, besonders bei eiskalten Winden in den Bergstädten wie Hebron und Ramallah. Ich war ein kleines Mädchen, das sich vor Kälte und Dunkelheit fürchtet. Ich würde mich mit der ganzen Familie an einem dunklen Platz drängen – aber wie wird es mit der Kälte werden? Die Soldaten kamen nicht und holten Mutter nicht weg. Der Gefängniswärter, der das Pamphlet zwischen der Wolle versteckt fand, brachte es fertig, gnädig mit uns zu sein. Er zeigte Erbarmen mit unserer Lage und dachte, wir seien schon genug gestraft. Die Gesundheit meiner Schwester verschlechterte sich zusehends. Felicia, „der Retterin“, gelang es, dass mein Onkel wenige Monate vor dem Tod meiner Schwester einen Besuch zu Hause machen durfte . Einen Gefangenen zu einem kurzen Besuch nach Hause zu bringen, war in jener Zeit wie ein Wunder. Unsere Nachbarschaft sah wie eine Militärbasis aus, da die Soldaten sich überall mit ihren Fahrzeugen und aggressiven gezückten Gewehren zeigten.

Mein Onkel musste seine Abschiedsrede schnell ausdenken, da er wusste, dass es das letzte Mal war, das er seine Nichte sehen wird. Er und meine Schwester hatten eine besondere Verbindung. Deshalb war die Szene so schwer erträglich, als sie ihre geschwollenen Finger an sein T-Shirt klammerten und ihn bat, doch noch ein paar Minuten länger zu bleiben. Die Soldaten zogen ihn weg und legten ihm Handschellen um. Ich hatte keine Möglichkeit mehr mit ihm zu sprechen, nur ihm noch ein“ Auf-wiedersehen“ zuzuwinken, als er weggezerrt wurde, umgeben von vielen bedrückten Soldaten. Er ging zurück in die Haft, wo für ihn die Zeit endlos schien. Felicia war wieder bereit und organisierte eine internationale Kampagne, kontaktierte amerikanische Senatoren mit dem Versuch, meinen Vater aus dem Gefängnis zu entlassen, bevor meine Schwester stirbt. Die Kampagne war erfolgreich, da gegen ihn gerichtlich nichts vorlag, außer dass er gewaltlos für Freiheit kämpfte. Er wurde gerade noch so entlassen, dass meine Schwester ihre letzten Atemzüge in seinen Armen machen konnte – wenige Tage später. Felicia Langer hatte viele andere Fälle palästinensischer Gefangener zu verarbeiten. Sie schrieb auch eine Reihe von Büchen zu diesem Thema: „Sie sind meine Brüder“ schrieb sie über meine Schwester und meinen Vater. Es war ihr sehr ernst damit, als sie die Gefangenen „meine Brüder“ nannte, da sie sie leidenschaftlich verteidigte. Felicia litt eine Menge, als sie sich meiner Mutter anvertraute, wegen der rassistischen Gesellschaft, in der sie damals lebte, die sie eine „Verräterin“ nannte, da sie einen „Haufen Terroristen“ verteidigte. Felicia bekam auch mehrere Morddrohungen. Felicia, die Frau mit den rot geschminkten Lippen und dem leidenschaftlichen Herzen konnte nicht all den Hass und Rassismus ertragen, schloss ihr Büro aus Protest zur ungerechten Situation der Palästinenser und dem fast unmöglichen Dorngebüsch im juristischen System. Sie machte dies in israelischen Zeitungen und in der Washingtonpost öffentlich. Felicia packte ihre Sachen und ging nach Deutschland, um dort weiter zu arbeiten - auf der akademischen Ebene in Bremen und Kassel. Felicia hat dort hartnäckig bis heute weiter gekämpft für die Gerechtigkeit der Palästinenser Felicias empfindliches Herz war nicht in der Lage, mit der Dunkelheit umzugehen, die das „verheißene Land“ umgab, wo sie vor Jahren sich denen anschloss, die wie sie den grauenhaften Holocaust des Naziregimes überlebten.

(Die arabische Version wurde in der Al-Ayyam Zeitung am 7.3.12 veröffentlicht und auf der HiwarMutamadan arabischen regionalen Website am 6.3.12) (dt. Ellen Rohlfs