1 Auflage

Hans D. Schütt: Nicht gegen Mein Gewissen

 
Titel: Hans D. Schütt: Nicht gegen Mein Gewissen
Erscheinungsdatum: Dez 2005 Karl Dietz Verlag Berlin 1.Auflage
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Taschenbuch. 187 S., Kartoniert / Taschenbuch, deutsch
ISBN 3-320-02071-4
Preis: 9,90 €

Fast eine Rezension

Felicia Langer ist eine bemerkenswerte, bewundernswerte Frau. Das weiß jeder, der ihre autobiographischen Bücher
kennt oder sie einmal als Rednerin erlebt hat.

Hans-Dieter Schütt ist nun die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, Felicia
Langer in Gespräche über Gott, Leben und die Welt zu verwickeln, um aus
ihren Antworten auf seine Fragen ein komplexes Bild ihrer
Persönlichkeit zu zeichnen. Und sie antwortet bereitwillig und beredt
auf alle Fragen, seien sie banal, von eher beiläufigem Interesse oder
tief schürfend. Sie gibt Auskunft über Kindheits- und
Jugenderfahrungen, ihre Auswanderung nach Israel, ihren beruflichen
Werdegang; Erfolge und Misserfolge; Vorlieben und Abneigungen; Träume
und Hoffnungen; Wertvorstellungen und Ideale; persönliche Stärken und
Schwächen; die große Liebe ihres Lebens und die große Enttäuschung
ihres Lebens. Sie antwortet fast ausnahmslos bereitwillig,
selbstkritisch und schonungslos auch auf sehr persönliche Fragen, so
dass Schütts beiläufige Klage, in einem Nebensatz im Vorwort versteckt,
sie lasse kaum persönliche Fragen zu, einigermaßen verwundert. Weniger
verwunderlich ist hingegen die Tatsache, dass die Rede immer wieder auf
ihre Arbeit kommt, schließlich praktizierte sie mehr als 23 Jahre als
Anwältin in Israel, und auch seit ihrer Übersiedlung nach Deutschland
im Jahre 1990 arbeitet sie beharrlich weiter an ihrer großen
Lebensaufgabe, dem Einsatz für Entrechtete und Unterdrückte,
insbesondere für die Rechte der Palästinenser, und für einen gerechten
Frieden in Israel/Palästina. Diese Lebensaufgabe ist sozusagen ihr
innerer Kompass, und die Kompassnadel richtet sich im Normalfall nach
Norden aus und kennt keinen Dienstschluss. Die selbstgewählte
Lebensaufgabe basiert auf der Lehre, die sie aus dem Holocaust und
ihren Kindheitserfahrungen gezogen hat: Schau nicht weg, schweige
nicht, hilf dem Schwächeren, setze Dich für die Entrechteten und
Unterdrückten ein! - In ihrem Umfeld in der neuen Heimat Israel waren
das in erster Linie die Palästinenser, die seit nunmehr fast 40 Jahren
unter israelischer Besatzung leben. Ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen
und die Richtung für einen gerechten Frieden zu zeigen, das ist ihr
Beitrag zur Umgestaltung Israels in eine „echte“ Demokratie, anders
hätte sie es nicht als neue Heimat adoptieren können. Dafür arbeitete
sie und arbeitet noch schier unermüdlich.

 

Hans-Dieter Schütt versucht, dem Geheimnis dieser „Obsession“ auf den
Grund zu kommen, die ihn gleichermaßen fasziniert und irritiert. Immer
wieder sucht er, ihr das Geständnis zu entlocken, die „persönlichen
Opfer“ stünden in keinem angemessenen Verhältnis zum erreichten Erfolg.
Doch Felicia Langer widerspricht vehement (wiederholt wehrt sie sich
temperamentvoll-entschieden gegen „schiefe“ Ausdrücke oder
Fragestellungen); sie lässt den Begriff OPFER für sich nicht gelten und
sie misst Erfolg nicht an der Zahl gewonnener Prozesse. Vor die Wahl
gestellt, würde sie sich wieder für das Leben entscheiden, das sie in
jungen Jahren aus freien Stücken gewählt hat. Es war zwar überreich an
Entbehrungen, schier übermenschlichen Anstrengungen und deprimierenden
Misserfolgen (rein juristisch gesehen), aber sie hatte nach
persönlicher Einschätzung das große Glück, ein erfülltes, ihren inneren
Neigungen entsprechendes, ihrem Naturell gemäßes Leben zu führen – sich
selbst verwirklichen zu können. Und die Gewissheit, einzelnen Menschen
so weit geholfen zu haben, wie es ihr nur möglich war, stellenweise
etwas im israelischen Justiz-apparat bewirkt zu haben und die angeblich
rechtsstaatliche Praxis in Israel als Farce entlarvt zu haben. Erst als
sie erkennen musste, dass sie als aktive Rechtsanwältin nicht mehr
sinnvoll arbeiten konnte, schloss sie 1990 aus Protest ihre Kanzlei.
Das ist für sie aber keine Niederlage. Ihre selbst gewählte Aufgabe war
von Anfang an
eine Sisyphusarbeit, aber sie hat bleibende Spuren hinterlassen, und es
hatten sich Nachfolger für ihre Anwaltsarbeit gefunden.

Felicia Langer hat einen neuen Berg und einen neuen Stein gefunden: die
Öffentlich-keit, insbesondere in Deutschland, aber auch anderswo, über
die Lage in Israel/ Palästina zu informieren, um die meist einseitig
pro-israelische Berichterstattung in den Medien zu unterwandern und die
Menschen zu motivieren, selbst aktiv zu werden, sich zu engagieren.
Denn ihre einzige Hoffnung auf einen gerechten Frieden setzt sie in die
Mobilisierung der Weltöffentlichkeit, die sich bisher zu blind und
stumm gezeigt hat.

Je nach Thematik der Fragen variiert Felicia Langers Ton von
nachdenklich und ernst bis humorvoll und leidenschaftlich emotional.
Gelegentlich zeigt sie, dass Selbstironie für sie kein Fremdwort ist.

So entsteht vor den Augen des Lesers das lebendige Bild einer
faszinierenden Frau, die durch ihr Leben beweist, dass es möglich ist,
Widerständen zum Trotz ein erfülltes Leben zu führen, wenn man sich und
seinen Idealen treu bleibt, dass Anfeindungen und Hass ihre Wirkung
verlieren durch das Antidotum Liebe.

Hans-Dieter Schütt agiert als stimulierender und lenkender Impulsgeber.
Er stellt interessante Fragen und gibt Felicia Langer Raum, ihre
Ansichten und Selbst-reflexionen frei zu entfalten. Stellenweise ist
der Themenwechsel allerdings störend abrupt oder es entsteht der
Eindruck, ein Zwischenglied sei weggefallen. - Da anzunehmen ist, dass
die Leser vorrangig an Felicia Langers Person interessiert sind, hätte
Schütt bei den persönlichen Ausführungen seines ideologischen
Werdegangs und der Präsentation seiner Belesenheit etwas
zurückhaltender sein können. Dann wäre noch Platz für mehr Fragen
gewesen, die ihre Arbeit nicht tangieren und die spannender wären als die Frage nach ihrer Lieblingsfarbe.

Dieses Buch ist nicht nur für reifere Jahrgänge interessant, es sollte
vor allem auch jugendlichen Lesern empfohlen werden – als plastische
Lebenshilfe in punkto Zivilcourage, Motivation und Selbstmotivation. –
Für Frau Langer ist es immer wieder ermutigend, dass sie bei
Veranstaltungen in Schulen und Hochschulen junge Leute mit Erfolg
ansprechen kann und positive Rückmeldungen erhält.

Helgard Barakat